Folge 21 - Alltag auf einem Rettungsschiff – mit Annika Schlingheider
Shownotes
Was bedeutet zivile Seenotrettung jenseits politischer Debatten und medialer Schlagzeilen? In dieser Folge von Stimmen der Rettung gibt Annika Schlingheider einen seltenen, detaillierten Einblick in den Alltag auf einem zivilen Rettungsschiff im Mittelmeer. Annika war mehrfach als Protection Officer bei SOS Humanity auf der Humanity 1 im Einsatz und arbeitete zuvor für Ärzte ohne Grenzen (MSF) auf der Geo Barents. Ihre Aufgabe: den Schutz besonders vulnerabler Menschen sicherzustellen, Fluchtgeschichten zu dokumentieren und dafür zu sorgen, dass Würde auch unter extremen Bedingungen gewahrt bleibt.
Der Weg in die Seenotrettung Annikas Weg in die zivile Seenotrettung begann nicht auf dem Meer, sondern an Land. Durch ihr Leben in Italien und ihre Arbeit in der humanitären Hilfe kam sie früh in Kontakt mit Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa geflohen waren. Zunächst engagierte sie sich in Öffentlichkeitsarbeit und Advocacy, bevor sie über den Einsatzpool von Ärzte ohne Grenzen erstmals selbst auf ein Rettungsschiff ging. Die Erfahrungen an Bord prägten sie nachhaltig. Später wechselte sie zu SOS Humanity und übernahm dort die Rolle der Schutzbeauftragten – eine Funktion, die oft im Hintergrund bleibt, für die Arbeit an Bord aber zentral ist.
Vorbereitung, Training und Teamarbeit Bevor ein Rettungsschiff überhaupt in das Einsatzgebiet ausläuft, steht eine intensive Vorbereitungsphase. Die internationalen Crews kennen sich häufig nicht, arbeiten unter hohem Zeitdruck und auf engem Raum zusammen. Trainings zu Sicherheit, Rettungsszenarien, medizinischer Erstversorgung und Massenanfall von Verletzten gehören ebenso dazu wie das gegenseitige Kennenlernen und die Klärung von Rollen und Verantwortlichkeiten. Annika beschreibt, wie wichtig Vertrauen, klare Kommunikation und gegenseitige Unterstützung sind – denn im Ernstfall muss jeder Handgriff sitzen.
Wie Rettungen ablaufen Rettungen entstehen auf unterschiedliche Weise: durch eigene Sichtungen, Notrufe über Funk, Meldungen von Seenotrettungsleitstellen oder Hinweise des Alarm Phone. Auch zivile Aufklärungsflugzeuge spielen eine wichtige Rolle bei der Lokalisierung von Booten in Seenot. In der Folge schildert Annika eine konkrete Rettung von über 100 Menschen von einem instabilen Holzboot bei schwierigen Wetterbedingungen. Die Situation war hochgefährlich, die Gefahr des Kenterns allgegenwärtig. Erst nach der erfolgreichen Evakuierung und medizinischen Erstversorgung an Bord wich die Anspannung – ein Moment großer Erleichterung für die gesamte Crew.
Schutzarbeit nach der Rettung Mit der Rettung endet die Arbeit nicht – sie beginnt oft erst richtig. Annika erklärt, wie Schutzarbeit an Bord aussieht: die Identifikation unbegleiteter Minderjähriger, schwangerer Frauen, Überlebender von Folter oder sexualisierter Gewalt. In enger Zusammenarbeit mit medizinischem Personal und Kulturmediator*innen werden Bedürfnisse erfasst und Informationen über die nächsten Schritte vermittelt. Ein weiterer wichtiger Teil ist die freiwillige und anonymisierte Dokumentation von Fluchtgeschichten. Diese Berichte sind nicht nur Zeugnisse individueller Schicksale, sondern auch Belege systematischer Gewalt entlang der Fluchtrouten.
Würde im Alltag an Bord Ein zentrales Thema der Folge ist Würde. Annika macht deutlich, dass Würde nicht erst in politischen Programmen beginnt, sondern in kleinen, konkreten Handlungen: trockene Kleidung, eine warme Mahlzeit, eine Zahnbürste, sauberes Wasser. Selbst ein improvisierter Barbershop an Deck kann für gerettete Menschen ein Stück Selbstbestimmung und Normalität zurückgeben. Diese scheinbar kleinen Gesten haben eine enorme Bedeutung – gerade nach Monaten oder Jahren von Entwürdigung, Gewalt und Ausbeutung.
Geschichten hinter den Zahlen Annika berichtet von Begegnungen mit Menschen aus dem Sudan, Eritrea und Äthiopien. Sie erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der vor Krieg floh, entführt, gefoltert und in Libyen ausgebeutet wurde. Seine Geschichte steht stellvertretend für viele – und zeigt, warum es nicht reicht, über Migration nur in Zahlen und Statistiken zu sprechen.
Verantwortung, Belastung und Solidarität Die Arbeit an Bord ist emotional belastend. Annika beschreibt, wie wichtig es ist, Erlebnisse im Team zu teilen, Verantwortung gemeinsam zu tragen und Solidarität nicht nur nach außen, sondern auch innerhalb der Crew zu leben. Gleichzeitig betont sie die politische Dimension dieser Arbeit: Seenotrettung macht sichtbar, was an Europas Außengrenzen geschieht. Sie ist Zeugenschaft – und damit auch eine Form politischer Verantwortung.
Diese Folge zeigt eindrücklich: Zivile Seenotrettung ist keine abstrakte Debatte, sondern konkrete Humanität. Jeder Mensch bringt eine eigene Geschichte mit. Und Würde beginnt bei den kleinen Dingen. Oder, wie Annika es auf den Punkt bringt: Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.
SOS Humanity – https://sos-humanity.org Ärzte ohne Grenzen – https://www.aerzte-ohne-grenzen.de United for Rescue – https://united4rescue.org Alarm Phone – https://alarmphone.org
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